Anne SCHMID Etwa ein halbes Jahrhundert nach der Erfindung des Buchdrucks entstand im Kloster St. Ulrich und Afra zu Augsburg die Proba centum scripturarum (1510-1517), ein Schriftmusterbuch, dessen Schreiber Leonhard Wagner mit einer letzten Blütezeit der Kalligraphie in Zusammenhang zu bringen ist. Für dieses Album, das bereits einen gewissen Sinn für schriftgeschichtliches Sammeln und Beobachten verspüren läßt, hat der Schreibmeister nicht nur die Schriftarten seiner eigenen Zeit ausgewählt, sondern auch die, denen er als ein mit Bibliotheken und Archiven seines Ordens vertrauter Bendiktiner in älteren Handschriften und Urkunden begegnete. Die Stellungnahme Leonhard Wagners zu den rivalisierenden Schrifttendenzen des Mittelalters und der Renaissance verdeutlicht das eigentliche Repertoire seines kalligraphischen Könnens, nämlich spätmittelalterliche gotische Schriftarten und die "Rotunda", die als Modell klassischen Schreibens die Proba eröffnet.